Medieninformation vom 29. November 2019

Auftakt der IHK-Konjunkturgespräche: Strukturwandel in der Automobilindustrie trifft Mittelstand ins Mark

„Der Strukturwandel in der Automobilindustrie trifft den Mittelstand ins Mark. Internationale Konflikte schwächen den Handel. Die klassische und digitale Infrastruktur erfüllt weiterhin nicht die Anforderungen unserer Betriebe“, so die Einschätzung von IHK-Vizepräsident Dr. Harald Marquardt
zum Auftakt der neuen IHK-Reihe „Konjunkturgespräche“ in Donaueschingen. Gastredner der Auftaktveranstaltung in der Alten Hofbibliothek war Dr. Helmut Becker, Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation in München. Becker war zuvor unter anderem Chefvolkswirt von BMW.
Bei einem Pressegespräch
im Vorfeld der Veranstaltung forderte Marquardt von der Politik Rückenwind statt Gegenwind für die Automobilbranche. Der hohe Industrieanteil von über 20 Prozent in Deutschland sei eine besondere Verpflichtung. In der Region liege die Quote mit über 50 Prozent sogar noch sehr viel höher.
„Die Automobilindustrie hat nirgendwo eine so große Bedeutung wie in Deutschland, 400 Milliarden Euro erwirtschaftete sie im letzten Jahr, jeder vierte Euro geht auf das Automobil zurück. Die Zulieferer sind dabei ein echter Faktor: 60 Prozent aller Innovationen im Automobil kommen aus unseren deutschen Zuliefererbetrieben. In unserer Region gibt es fast 1.000 Zulieferer. Sie beschäftigen 60.000 Mitarbeiter und 1.800 Auszubildende“, so der IHK-Vizepräsident.
Deshalb müsse angesichts der Diskussion um die zukünftige Mobilität die Förderung von Forschung und Entwicklung im Mittelstand ausgebaut werden, um die Arbeits- und Ausbildungsplätze im Automobilsektor zu sichern. Dies müsse durch den Ausbau der Infrastruktur begleitet werden. Angesichts des Defizits in der digitalen Versorgung, einer notwendigen Steuerreform und eines Umdenkens in der Bildungspolitik dürfe man sich jetzt nicht wegducken. „Die Defizite sind hausgemacht“, so Marquardt. „Wir müssen weit über die nächsten Tarifverhandlungen und die kommende Bundestagswahl hinausdenken.“
Dass die Konjunktur in Deutschland „gespalten ist“, betonte Gastreferent Dr. Helmut Becker. Während die Automobilindustrie in eine Rezession steuere oder sich bereits darin befinde, boome der Dienstleistungssektor. „Die Dienstleister tragen das noch geringe Wachstum“, sagte der Institutsleiter. Die Politik werde den Erfordernissen der Industrie nicht gerecht, und darin liege eine große Rezessionsgefahr für die gesamte deutsche Wirtschaft.
Grundsätzlich, so Becker, werde der Verbrennungsmotor noch eine Zeitlang auf dem Markt bleiben. Ob die Politik die richtige Richtung in der künftigen Mobilität eingeschlagen hat, bezweifelt der Ökonom. „Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von der Automobilwirtschaft ist sehr hoch. Wenn das mit der E-Mobilität schiefgeht, verlieren wir Arbeitsplätze in Höhe der Einwohnerzahl von München.“