IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg

Prof. Dr. Stefan Bratzel zur Zukunft der Automobilzulieferer

Dieselgate, Betrugssoftware, E-Mobilität, Produktionsstopp für Deutschlands Auto-Ikone, den Golf. Die Schlagzeilen zur Zukunft der deutschen Automobilindustrie reißen nicht ab und die Prägnanz des Themas ist aktueller denn je. Auch auf die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg wirken sich die aktuellen Diskussionen um einen Wandel der Mobilität unmittelbar aus. Mit über 700 Zulieferunternehmen und rund 60.000 Beschäftigungsverhältnissen ist die Zuliefererindustrie ein bedeutender Wirtschaftszeig für die Region. In dem sich abzeichnenden Mobilitätswandel fehlt es allerdings an Planungssicherheit für die Zulieferindustrie und an einer Versachlichung der Diskussion und den zukünftigen Antrieb.

Einen unabhängigen Ausblick auf die Zukunft der Mobilität und die Auswirkung auf die Zulieferindustrie gibt der Automotive-Experte Prof. Dr. Stefan Bratzel im Interview. Stefan Bratzel ist Gründer und Direktor des. Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Das CAM ist ein unabhängiges, wissenschaftliches Institut für empirische Automobil- und Mobilitätsforschung sowie für strategische Beratung. Stefan Bratzel ist ein von Automobilherstellern, Zulieferern sowie Medien viel gefragter Experte zu Themen rund um die Automobilbranche. Am 13. November ist Stefan Bratzel Keynote-Speaker beim Automotive-Gipfel. Die Veranstaltung findet in den Donauhallen Donaueschingen statt. Veranstalter sind die IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg gemeinsam mit der wvib Schwarzwald AG.

Herr Prof. Dr. Bratzel, wie sieht Ihre Vision von der Mobilität der Zukunft aus?
Drei Trends prägen die Zukunft der Mobilität: E-Mobilität, Autonomes Fahren und intermodale Mobilitätskonzepte. Aus Kundensicht wird künftig jeder ein Mobilitätsabo von einem intermodalen Mobilitätsprovider besitzen, über den die gesamten Reisen gebucht und abgerechnet werden können.

Dies wird auch neue Player ins Spiel bringen. Die neuen Player kommen aus der IT- und Softwarewelt. Hier stellt sich die Frage: Warum kommen diese in die Mobilitätswelt und was sind die Geschäftsmodelle, die diese in Zukunft auszeichnen? Wir erleben momentan drei Revolutionen, auf denen die neuen Geschäftsmodelle künftig aufbauen werden. Die erste Revolution ist die Mobilitäts-Effizienz-Revolution. Im Wesentlichen bauen die Geschäftsmodelle darauf auf, dass das Auto relativ wenig genutzt wird. Es steht in der Regel 23 Stunden am Tag. 95 Prozent seiner Zeit steht es also ungenutzt herum. Der Besetzungsgrad liegt nur bei ca. 20 Prozent.

Die Geschäftsmodelle, die künftig entstehen werden, versuchen, die Effizienz zu erhöhen, unter anderem durch Carsharing, Fahrdienste, E-Mobilität u.a. Die zweite ist die Mobilitäts-Zeit-Revolution. Wir verbringen durchschnittlich vier Jahre unseres Lebens im Auto. Und wenn jetzt die Fahraufgabe entfällt, kann diese Zeit sinnvoll genutzt werden. Das ist der Punkt, auf dem neue Geschäftsmodelle aufsetzen. Die dritte ist die Mobilitäts-System-Revolution. Die​​​​​​​se geht von einem anderen Nutzungsmuster aus. Wer ein Auto vor dem Haus stehen hatte, dachte und plante seine Wege mit seinem Auto. Durch mobile Endgeräte und Apps wird die Verkehrsplanung zu einer inter- oder multimodalen Verkehrsplanung. Also eine verkehrsträgerübergreifende Routen- und Mobilitätsplanung. Auch das ist eine Veränderung, die wiederum neue Geschäftsmodelle ermöglicht.

Die angeführten Mobilitätkonzepte lassen sich in der Stadt sicherlich gut umsetzen. Unsere Region Schwarzwald-Baar-Heuberg wird von anderen als eher ländlich geprägt eingeschätzt. Welches Mobilitätsszenarium sehen Sie in dieser Hinsicht?
In ländlich geprägten Gebieten wird der private Autobesitz auch künftig noch die Hauptrolle spielen. Aber auch hier werden neue Mobilitätsdienstleistungen, wie Shuttle-on-Demand und längerfristig auch autonomes Fahren eine immer zentralere Rolle spielen.

Was sind die wesentlichen Herausforderungen auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft, die noch gemeistert werden müssen?
Auf dem Weg hin zum autonomen Fahren sind noch viele technologische und rechtliche Herausforderungen zu stemmen, wobei insbesondere auch die Hacker-Problematik zu den größten Herausforderungen zählt. Allerdings überwiegen die Vorteile in puncto Mobilitätskosten und Sicherheit.

In welchem Bereich wird der wesentliche Teil der Wertschöpfung von Automobilherstellern in der Zukunft liegen?
Auf den Punkt gebracht, lautet die Formel Mobilität der Zukunft = Software * Dienstleistungen im Quadrat. Die Wertschöpfung liegt künftig im Wesentlichen auf der Entwicklung von Dienstleistungspaketen und entsprechenden Softwareanwendungen. Es wird einen Kampf der Welten geben zwischen Autobauern und Big Data Playern wie Google, Apple und Alibaba.

Das Rennen wird der machen, der mit attraktiven neuen Geschäftsmodellen die Kundenschnittstelle besetzt. In einem langfristigeren Zukunftsszenario ist es auch denkbar, das Robo-Taxis Bestandteil des Mobilitätskonzepts sein werden. Sie fahren elektrisch und suchen sich je nach Auslastung eigenständig induktive Ladestationen und wirken gleichzeitig als Energiepuffer für das Stromnetz.

Die neuen Formen der Mobilität sind das eine, was ist aber mit dem Elektroantrieb?
Das wird auch kommen, aber wir werden Geduld brauchen. Uns fehlt in Deutschland eine dichte Schnell-Lade-Infrastruktur. In 15 bis 20 Minuten muss eine Batterie zu 80 Prozent geladen sein, das wäre ein akzeptabler Standard für die Autofahrer. Natürlich ist das auch wieder ein Parkplatz-Thema, besonders in den Städten. Denn nur die wenigsten von uns haben zu Hause eine Garage, wo sie ihr Auto selbst aufladen könnten. Wenn aber der Markt für Mobilitätsdienstleistungen langsam entsteht, dann werden mehr Menschen auf das eigene Auto verzichten. Wir bräuchten also weniger Parkplätze, damit entsteht neuer Raum für Ladestationen.

Sie haben soeben den deutschen Markt beschrieben. Wie sieht es beispielsweise mit dem chinesischen Markt aus? Muss sich die deutsche Automobilindustrie vor neuen Wettbewerbern fürchten? Und wie schätzen Sie das Potenzial eines wachsenden Marktes der Schwellen- bzw. Entwicklungsländer ein?
China ist schon jetzt der wichtigste globale Automobilmarkt für die deutschen Hersteller. Dort entwickeln sich aber zunehmend ernstzunehmende Automobilhersteller, insbesondere im Bereich der Elektromobilität. Und an den chinesischen Digitalplayern wie Alibaba, Tencent, Baidu und Didi Chuxing mit ihren Internetplattformen kommt ohnehin keiner mehr vorbei. Langfristig bietet der sich stark entwickelnde indische Markt noch enorme Wachstumsperspektiven.

Wie Sie selbst anführen, löst Elektromobilität keine Umweltprobleme, solange der Strom nicht nachhaltig erzeugt wird. Auch die Ökobilanz der Batterien ist ein streitbares Thema. Im Sinne einer technologieoffenen Betrachtung: Wie schätzen Sie das Potenzial alternativer Antriebsforen, wie beispielsweise der Brennstoffzelle, Hybrid-Antriebe oder E-Fuels ein?
In der Tat verengt sich die Diskussion zu sehr auf batterieelektrische Antriebe. Die Brennstoffzelle hat gerade bei langen Strecken und bei großen Fahrzeugen bzw. Lkw durchaus Vorteile. Mittel- bis langfristig könnte man die Herausforderungen meistern, vor allem die Herstellkosten weiter reduzieren und eine Wasserstoffinfrastruktur aufbauen.

In der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg gibt es eine Vielzahl an Zulieferunternehmen, die in erster Linie Teile für konventionelle Antriebe produzieren. Welche Auswirkungen könnten die von Ihnen beschriebenen Technologie- und Geschäftsmodelltrends auf die Zulieferunternehmen haben? Und was müssen Ihrer Meinung nach die Zulieferunternehmen tun, um sich für die Zukunft zu rüsten?
Für Zulieferer, die vor allem auf den Verbrennungsmotor setzen, werden schwierige Zeiten kommen. Der Kostendruck wird steigen und ab 2025 auch die Volumina sinken. Es ist höchste Zeit, sich nach alternativem Geschäft rund um Elektromobilität umzusehen, denn die Wertschöpfung rund um den Verbrennungsmotor wird sich perspektivisch verkleinern. Aber man kann auch versuchen zu den Konsolidierungsgewinnern zu zählen, also in seinen Feldern Wettbewerber aufkaufen. Riskant, aber möglich.

Ein erster, wichtiger Schritt sind allgemein ein gutes Netzwerk sowie stets am Puls der Zeit zu sein. Beispielsweise informieren Netzwerke und Veranstaltungen wie der Automotive-Gipfel der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg und der wvib Schwarzwald AG über neue Entwicklungen und Trends. Die Teilnehmer erhalten von Referenten aus OEMs, Zulieferunternehmen und der Forschung wichtige Impulse, wie sie die aktuellen Herausforderungen zur Chance machen können.

Veranstaltungshinweis
Weitere Informationen sowie die Anmeldemöglichkeit zum Automotive-Gipfel von IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg und wvib Schwarzwald AG am 13. November in Donaueschingen unter www.automotive-gipfel.de.